Nun sind wir genau 7 Monate zusammen.

Es ist der 23.04.2015 und es ist warm draußen. Der Riese ist ja nicht gerade ein Sonnenhund und ich lächelte schon in mich hinein, als wir eben los gingen. Was machst du nur im Sommer, mein Lieber??
Ich wollte wieder ne Runde im Geschirr, extra, drehen und bemerkte schnell, dass er angenehm läuft. Gewiß auch wegen der Wärme. Nachdem er eine komplizierte Stelle hier wunderbar angezeigt hatte, nahm ich ihn aus dem Geschirr und ließ ihn sich lösen und Zeitung lesen.
Alles schien angenehm heute. Auch heute vormittag und morgens auf der Runde war es mir aufgefallen. War ich anders? War er anders? Es war wieder so, als wenn wir schon Jahre zusammen sind. Und dann plötzlich spürte ich auf. Was hat er eben gemacht??? Das muss ich nochmal beobachten.. und er tat es wieder.
Er lief locker an meiner linken Seite etwa einen guten Meter vor mir, er schnüffelte, er lief vor sich hin.. und da wieder.. es kam uns jemand entgegen und er?? Tatsächlich, er kam unmerklich zu mir zurück, er verlangsamte seinen Schritt und lief ganz selbstverständlich neben mir.. er boxte mich am Oberschenkel an.. er vermittelte mir mein Laufen.. ich verlangsamte, wenn er es tat, ich blieb stehen, wenn er es tat und es war schön!! Er drängte mich nach links, er hüllte mich in Obhut. Selbst Hunde hinterm Gartenzaun schienen heute unwichtiger. Direkte Hundebegegnungen waren mit leiser Stimme lenkbar. Ich bin verwundert und still und genieße einfach nur..
Ich stieß mit keinem Menschen zusammen, kein Kind mit Fahrrad streifte mich.. es war einfach nur schön zu bemerken. Ich lief ohne Stock, weil ich ja nur kurz zwischen der Geschirrarbeit ihn mal laufen lassen wollte und dann das!!
Für mich bedeutet dies, dass er nun angekommen ist. Er weiß, worauf es ankommt. Er weiß, dass ich Hilfe brauche und er zeigt mir auf diese Art: Ich bin da!!
Mir ist warm und ich bin den Tränen nahe.. ich könnte ihn knuddeln bis er umfällt, den großen Mann!!

Ich und Poseidon Es gibt immer diese Momente, wo man merkt, jetzt sind wir ein Team. Jetzt tut sich was in der Beziehung. Je mehr Situationen man gemeinsam erlebt, desto eher geschieht es vielleicht. Situationen, die in der Einarbeitung einfach nicht vertreten waren. Die man alleine bestehen muss, in denen man sich hingeben muss. Nur so lernt man sich gegenseitig kennen und vertrauen.
Gerade in der letzten Zeit gab es wieder Hochs und Tiefs bei uns. Ich stöberte nach Sinn und Unsinn, nach dem Warum macht er das nun so oder so oder gar nicht??

Schlüsselerlebnisse

In den letzten Wochen entwickelte Poseidon eine Unart. Wenn wir unterwegs waren und angesprochen wurden, weil ich z. b. nach einem Weg fragte, dann fing er an, an meinen Händen zu knabbern oder er sprang an mir seitlich hoch. Ich verzweifelte irgendwie, weil ich überhaupt nicht wußte, was ich da bestätigt habe. Was und vor allem wann, wodurch?
War es einfach nur Pöbelei, war es pubertär bedingt, war es Ungehorsam, Machtkämpfe, eine Übersprungshandlung.. ich versuchte einiges und war immernoch blockiert und hilflos irgendwie..
Bis letzte Woche. Da kamen zwei Situationen, die mich neben mir stehen ließen, wie mein eigener Schatten. Plötzlich sah ich mich in diesen Situationen und ich sah, was mit mir los war. Hunde spiegeln uns wieder und sie handeln durchaus auch so, Das steht für mich fest und er spiegelte mich wieder!
Planlos! Einfach nur planlos bin ich in diesen Situationen. Ich habe Null Plan und er noch weniger. Die eine Situation war im Bus: Fünf Menschen sprachen auf mich ein, ich fing an zu rudern, weil ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf steht, von diesen Ansprachen und hin und her Gerede und dem Anfassen. ich war genervt und überfordert.. und meinen Hund konnte ich nichts geben. Wir drehten uns, ich weiß nicht mehr genau wo ich stang und wo sollte ich nun hin. Der Hund drehte hoch und begann mich an zu knabbern und er wollte hoch.. nun sprach ich ihn an, beruhigend und er wurde ruhiger. Ich konnte sortieren und er zog zu einer freien Bank.
Die zweite Situation war auf dem gleichen Weg. ich kannste diesen Weg ungefähr noch und doch verzettelten wir uns. Nun gut, ich, der Hund war dort noch nicht. Wir liefen und liefen, wartend auf was Bekanntes, hörend, innehaltend, sauer, genervt von dem Lärm und überfordert - planlos!
Ich hielt an und holte mein iPhone heraus. Wir standen eine Weile und es kam jemand zu uns und wieder drehte der Hund hoch. Übersprungshandlung, fast explosiv. Ich sprach mit dem Menschen und ließ den Hund im Regen stehen. In dieser Situation und meinen Versuchen sagte in mir immer wieder die eine Stimme: bringt ja nix, der hammpelt weiter herum. Aber diesmal sah ich mich von außen und ich sah meinen Spiegel.
Ich weiß nicht, wie ich es schaffe in den Bruchteilen von Sekunden, aber ich weiß nun, dass ich ihm erst helfen muss, ihn anleiten muss, ihn auffangen muss, einen Plan haben!
Sollen die anderen Menschen weg laufen, sollen sie den Kopf schütteln - mir egal - er ist wichtiger und er soll nicht im Regen stehen!

Die Angst läuft bei "uns" mit

Nun könnte man ja sagen, warum ist das alles so? Das sollte doch der gemeine Führhund alles ab können. Warum kann er die Unsicherheiten des Blinden Halters nicht links liegen lassen und seinen Job machen??
Es wäre schon schön, wenn ein Ausbilder mit dem Hund, den er da ausbildet, unter Sichtentzug gehen würde. Bloß ist es das gleiche? Schwitzt oder bekommt dieser die gleichen Angstzustände wie der Sehbehinderte am Hund? Ich glaube nicht daran: Es ist eine ganz andere Weise die der Ausbilder da erhält, denn er weiß darum, dass er jeder Zeit und ganz schnell die Brille ablegen kann und wieder sieht. Er kann kontrollieren und handeln. Er wird nicht erst handeln und dann kontrollieren und er ist sich seiner Sache sicherer! Nicht nur, weil er ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zu dem Hund hat, nein, er kann auch gleich wieder sehen.

Letztendlich gehört es zur Einarbeitung, zur Bindungssuche bei dem neuen Halter dazu. Wir müssen uns darauf einlassen und wir müssen in vielen Situationen spüren und erkennen, was und wie es der Hund macht. Was er uns sagen möchte. Nur so können wir uns gegenseitig näher kommen und blindlinks vertrauen.

Jede - für uns - problematische Situation bewirkt das. Gespanne, die stets und ständig nur die gleichen Wege gehen brauchen vielleicht weniger Zeit - so meinen sie. So richtig werden diese Gespanne es erst merken, wenn auf den gewohnten Wegen plötzlich mal was anders ist. Eine Baustelle, eine Absperrung oder einfach nur mal eine Mülltonne auf dem Weg oder ein Fahrrad. Oft genug sind dann diese Gespanne verunsichert und sie landen da, wo andere Mehr-Wege-Gespanne schneller hinkommen. Zum totalen Vertrauen oder zum Einbruch in eine Spirale der Unsicherheit.

Ich bin froh, dass ich diese Beobachtungen heute machen durfte und freue mich auf weitere. Für mich beginnt nun eine andere Zeit mit dem Hund und ich werde sie in vollen Zügen genießen und schaue gerne wieder wie ein Spiegel auf meiner selbst. Danke Poseidon!

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