Wie blind muss man eigentlich sein?

Neulich im I C E kurz vor Bielefeld. Ich rappel mich auf, sortiere mich und meinen Hund und will los gehen zum Ausgang des Zuges.

Mein Hund hält nach drei Schritten an. Ich bemerke, dass da wohl jemand stehen muss und er nicht vorbei kann. Gerade habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, da höre ich ein lautes:
"Nun gehen Sie mal weg, ich habe acht Becher Kaffee in der Hand, dass müssten Sie doch wohl sehen?"

Ich frage zurück: "Haben Sie die auf einem Tablett?" "Ja, natürlich.. sehen Sie doch!"

Gut sage ich und halte ihr meinen weißen Stock hin und die Leine meines Führhundes.. "Dann würde ich sagen, wir tauschen einfach mal.. Sie scheinen den Stock und den Hund eher zu benötigen!" Säuerlich zische ich zu meinem Hund, geh weiter voran. Er setzt sich in Bewegung und drängelt sich vorbei - mir war es ehrlich gesagt egal, ob jemand einen Kaffeebecher abbekommt. Ich habe für sowas kein Verständnis mehr - es passiert mir zu oft!

Nach einigen Schritten drehe ich mich nochmal um und bemerke etwas lauter: "Wie blind muss man eigentlich heute sein? Wie viel Buttons und Langstöcke und Führhunde muss ich an meiner Seite haben, bis Sie es sehen?"

Zwei andere Frauen, die weiter hinten saßen regten sich sehr über die Kaffeetante auf. Stellten ganz laut klar: "Sagen Sie mal, die junge Frau hat einen Blindenstock in der Hand und einen Blindenhund? Und Sie? Sie sind wirklich noch der Meinung, diese Frau müsste auf Sie Rücksicht nehmen?"

Ja, wo sie Recht haben, haben sie Recht. Wie lächerlich und wie traurig doch zugleich, solche Mitmenschen sind.. Wo gucken die nur immer hin, wenn sie ihres Weges gehen?

Kapitel-Übersicht "Remember - die Vergangenheit"