Ein Kind nie..

Ich war 15 oder 16 Jahre alt, als mir meine Augenärztin so nebenbei erklärte, ich dürfe nicht mehr Rad fahren, skaten, die Pille nehmen, müsse möglichst wenig Chemie zu mir nehmen und dürfe keine Kinder kriegen! Ich solle mir einen Beruf wählen, den ich als Blinde ausüben könne und es könne gut sein, dass ich taub werde!
Wow! Das saß! Nun, als pubertierende Jugendliche kam die Reaktion: "Natürlich, jetzt erst recht!" Ich suchte mir einen Ferienjob, der meiner Mutter wohl das Blut gefrieren ließ Zeitungen austragen! In dunkler Früh' ging es mit dem Rad sehr weit. Selbstverständlich wurden auch die anderen Wege, die ich im Laufe meines Tages zurückzulegen hatte, mit dem Rad gemacht. "Ich bin doch völlig normal. Ich weiß nicht, was die Erwachsenen haben ..."

Jedoch setzte sich diese Sturheit nicht bei dem Wunsch nach Kindern durch. Keine Pille, nun die Verhütung geht auch anders. So wurde die ersten Jahre mit Schaum und Rechnen verhütet und lapidar gehandelt. Mit 18 oder 19 Jahren wollte ich mich sterilisieren lassen oder noch besser, alles raus!
Dann hat man diese blöden Schmerzen und das Blut nicht mehr. Von der Krankenkasse wurde man damals ja noch eher unterstützt, denn die wollten diese dumme Erbkrankheit nicht vermehren und ich auch nicht! Aber mein damaliger Arzt wollte partout die Spirale einsetzen und so trennten wir uns mit den Worten: "So, ich sehe Sie dann nächsten Monat, wenn Sie Ihre Regel haben." Er sah mich nie wieder und ich ging 2002 das erste Mal wieder zu einem Frauenarzt.

Wie sage ich es meinem Freund
Mit 23 Jahren lernte ich meinen jetzigen Lebenspartner kennen. Ich hatte mir abgewöhnt, jedem Mann gleich von meiner RP zu erzählen, und so kam die Aufklärung erst einige Zeit später. Es war auch einfacher für mich, weil der Herr ein halbes Jahr um mich herumschwänzelte und mir den Hof machte.
So konnte ich eher noch sagen: "Du willst mich, mich kriegst du nur mit einer seltenen Krankheit!"
Mit anderen vorherigen Partnern bin ich so verfahren, dass ich sie mitnahm zu meiner Augenärztin und die klärte sie dann auf. Aber ich war ehrlich genug, mir gegenüber einzugestehen, dass es nicht fair war. Hab ich doch bestimmt eine bessere Art, den Männern das zu verticken. Es war aber nicht einfach, denn ich lief ja "normal" herum. In der Gemeinschaft strengte ich mich an. Dort, wo ich mich auskannte, ging es ja auch reibungslos, solange es nicht allzu duster war. Ich hatte doch auch nichts mit den Augen!? Doch, wenn ich mal wieder allein war und durch die Dunkelheit mit meinem Radel fuhr, musste ich den Tatsachen ins Auge blicken.
Oft genug bin ich abgestiegen und habe mein Vorderrad schön weit vor mir geschoben, damit ich merkte, wann ein Gegenstand kommt oder gar eine Kante. Sobald ich auf helleren Straßen war, ging es wieder besser. Nur diese kleinen Tatsachen und auch die Verzweiflung meiner Mutter, die ich mitbekam, sorgten in mir dafür, dass ich nie ein Kind haben möchte.

Vollblind und Kinder
Als ich mit etwa 18 als freiwillige soziale Helferin tätig war, ging ich oft zu einer vollblinden Frau, die einen Säugling hatte. Ich half ihr und sah, wie sie als blinder Mensch, nach meiner Meinung, mit der Situation total überfordert war. Heute finde ich es schade, dass ich, die sich sonst alles erfragt, nicht den Mut hatte, sie anzusprechen. Sie zu fragen, wie sie es findet, wie sie dies und jenes macht, ob sie es bereut. So blieb es bei meiner Meinung im Kopf und "SO" wollte ich nie ein Kind. Auch die Tatsache, dass ich immer irgendwann mal auf eine sehende Hilfeangewiesen bin, festigte meine Meinung.

Mit meinem jetzigen Partner kam das Thema Kind vielleicht mal auf, aber eher scherzhafter: Er hat bereits eine Tochter und wünschte sich einen Stammhalter, damit sein seltener Name nicht aussterbe. Diesen Wunsch brauchte ich nicht so ernst zu nehmen. Mein Partner kannte meine Augenkrankheit und akzeptierte von Anfang an meine Entscheidung. Auch schon, als ich noch "normaler" wirkte.

Es gab bei mir hingegen Zeiten, die mich schwanken ließen. Aber ich weiß, dass dies nur Eifersuchtswünsche waren; Neid und Eifersucht auf ein Gefühl, das ich nicht kannte, das jedoch mein Partner zu seiner Tochter hat. Bloß wie war die Chance, dass ich einen Sohn bekomme? Bei meinen beiden Schwestern kamen immer erst ein Mädel und dann ein Knabe. Sollte ich es wagen?

Nein!
Niemals!
Heute ist mein Lebenspartner Opa von einem kräftigen Enkelsohn und der Schwiegersohn hat den Namen seiner Tochter angenommen! Na, geht doch alles ...
Auch wenn ich nie das Gefühl beschreiben kann, das zwischen einer Mutter und ihrem Kind wohl schon während der Schwangerschaft aufblüht und fruchtet, so kann und will ich es nicht vergessen, was ich damals dachte, als ich die Diagnose bekam. Ich kann meinen Umgang mit meinen Eltern und meinen Leichtsinn nicht vergessen.

Ich möchte keine Kinder bekommen, die mich vielleicht eines Tages dafür hassen, dass ich sie auf die Welt gebracht habe, obwohl ich mir meiner Augenkrankheit und allen damit verbundenen Konsequenzen voll bewusst war.

Entschuldige Mutti, den Leichtsinn, den ich dir zugemutet habe.

Kathrin Backhaus im Jahr 2004

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