Hilfe!! Mein Gulli ist weg!

Au weia! Wie kann man so sauer werden, wenn nette Bauarbeiter einen Gullideckel ordentlich absenken, damit kein Rand absteht und keiner drüber stolpern kann.

Ja, so ist das halt - man kann es keinem Recht machen:-)! Für mich war dieser Gullideckel immer eine Orientierungshilfe auf dem Weg nach Hause. Wenn ich den mit bekam, mit meinen Füßen, dann wußte ich, noch 12 Schritte und ich muss nach rechts einbiegen und bin vor meiner Haustür. Oder ich wußte, wenn ich auf ihm bin, dann stehe ich vor unserem Hoftor und kann zu den Mülltonnen. Und wie oft habe ich mir den Langstock in den Bauch gehauen, wenn die Kugel an der Kante hängen geblieben ist. Und doch fehlt er nun.

Nun wurde vor einigen Tagen irgendwas an dem Gulli gemacht und er wurde danach korrekt versenkt, also der Deckel und er ist für mich nicht mehr so einfach zu erspüren, wie vorher. Nun muss ich mir noch andere Hilfen suchen oder immer an der niedrigen Steinkante mit dem Langstock entlang dippen, dann kriege ich die Kurve auch mit:-). Ich mach das nicht gern da am Rand, weil manchmal auch Hundekot da liegen kann und dann hab ich die Sauerei an meiner großen Kugel unten am Langstock!

Und wie kann ich mich noch orientieren?

Es gibt schon viele Hilfen im alltäglichen. Über die Füße kriegt man viel mit, seien es Kanten, die hochstehen, seien es Grasnaben, seien es kleine und große Pflastersteine oder Wurzeln, die durch die Gehwegplatten nach oben wachsen.

Der Wind gibt auch viel Aufschluß. Freie Flächen zwischen Häusern, Hecken, die plötzlich zu Ende sind. Die Hausecke, alles das bemerkt man sehr gut, der Wind ist da und es ist alles auch offener, also mit weniger Dämpfung verbunden. Der Schall ist anders, auch wenn sie an einem Bushaltestellenhäuschen vorbei laufen bekommt man das mit und man schärft sich diese Orte ein.

Hilfestellung Gehör

Ich glaube nicht, dass sich das Gehör verbessert. Es erhält nur eine andere Sinnesstärke, weil das Visuelle weg fällt. Ich höre besser - scheinbar - weil ich vieles, was ich vorher sehen konnte, vom Gehör her ausblenden konnte. Heute, wo ich es nicht mehr visuell wahrnehmen kann, kann ich es erst unterdrücken, wenn ich es einordnen kann. So meine Meinung:-). Jeder denkt da wohl anders. Es ist einfach geschulter durch den Sinnesausfall Auge.

Ich kann Menschen auch mal an ihrem Gang erkennen, wenn ich mit jemandem verabredet bin:-) Ich höre die Gespräche von gaffenden Menschen auch sehr gut, auch die drückende Stille von Leuten, die schnell mal leise sind, nimmt man wahr und man hört an rauschenden Bäumen wo man ist. Ich höre manche Automarken heraus. So wie unser Auto einen gaaaanz besonderen Klang hatte. Der Hund hat den auch gesondert wahrgenommen, denn er konnte unser Auto auch wieder erkennen. Ich höre, ob es ein kleiner oder großer Bus ist. Ein Diesel oder Benziner. Ich verteufele die E-Autos!

Auch die Fahrradfahrer sind hörbar, aber auch da werden sie immer leiser. Auf Kopfsteinpflaster ist es natürlich besser:-) doch dort fahren die ja aus gutem Grund nicht oft:-)

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind

Sooooo viel der Wind mir hilft, wie zum Beispiel bei Hauseinfahrten oder am Ende eines Waldes oder einer Hecke, so belastet er auch, wenn er stark vertreten ist.

Wenn er einem um die Ohren bläst, dann hat man sehr große Probleme mit der Orientierung. Es ist ein klein wenig so, wie es Taubblinden gehen muss. Sehr schwer erst Recht, wenn man ohne Hilfestellung einer Signalampel, über eine Straße muss.

Auch starke Geräusche hemmen einen, wenn man über eine Straße muss. Zum Beispiel Motorsägen, Rasenmäher, die Stadtreinigung mit lautem Getöse oder ein wohlmeinender Autofahrer, der mich mal eben rüber lassen möchte und mit laufendem Motor wartet, bringt einen Sehbehinderten an einer Kreuzung ohne Hilfe gaaaanz schön ins Schwitzen. Das Geräusch stört bei der Wahrnehmung, ob noch andere Autos im Kommen sind. Es ist also lieb gemeint, aber es bringt uns doch eher in Gefahr. Oft genug haben schon Leute dann säuerlich aus dem Auto gerufen "Sie können doch endlich rüber!" und dann kam plötzlich doch noch ein weiteres Auto.. "Uppala, hab ich gar nicht gesehen! Tschuldigung" Tja, ich hab es lieber, wenn die Geräusche sich entfernen und ich wieder meine "Ruhe" habe:-) ist mir sicherer - mein Gehör, als eure Augen:-)

Ich riiiiiiiieche was.. was du nicht riechst

Der Geruch ist auch hilfreich. Vor allem, wenn es hier bei mir sooo schön nach Blüten riecht. Ob der Flieder, die Linden oder die Kastanien - alles riecht herrlich! Ein Lokal, eine Imbissbude mit unsauberem Friteusenfett ist riechbar - das schaffen Sie aber auch:-) das ist keine Kunst der Blinden!

Und der Langstock erst mal..

Auch der Langstock erfüllt seine Zwecke:-) ich habe eine große Kugel daran, weil ich hier viel kleines Pflaster habe und da rollt sie besser ab. Ich hau mir den so dann nicht andauernd in den Bauch und kann sie entspannt auf dem Boden lassen. Es gibt Stöcke, die eine kleine Spitze haben. Die werden dann so tacktweise hörbar, rechts, links, rechts, links.. Dieser wird dann von einer zur anderen Seite hochgehalten und man hat keinen durchgehenden Bodenkontakt.

Über den Boden erhält man so auch viele Informationen. Ob die Pflastersteine, die Leitlinien auf den Bahnhöfen, die Traktorspuren auf den Feldern, die Pfütze vor mir und vieles vieles mehr. Ganz zu schweigen von den Schallinformationen, wie oben schon erwähnt. Der Stock klingt anders, wenn z. B. die Hauswand zu Ende ist oder man an einer Einfahrt vorbei läuft.

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