Sich hingeben, kommt von Hingabe

Ganze 10 Jahre ist es her, dass ich im Juli 2001 im hiesigen Klinikum Berlin zu der Begutachtung bestellt war. Ich hatte einen Verschlechterungsantrag gestellt, beim Versorgungsamt. Meine Augenerkrankung sei schlechter geworden. Meinen Grad der Behinderung über 70 Prozent wollte ich erhöht wissen, damit ich Blindenpflegegeld erhalte. Wer kann das nicht gebrauchen und so leicht kommt man doch nicht an lukratives Geld vom Amt?

Ich hatte keinen Überblick für das sachliche. Sind die Augen denn schlimmer geworden? Woran sollte ich es festmachen? Seit der Diagnosestellung im Jahr 1980 hatte ich ein Gesichtsfeld von etwa 10 Grad. Ist das überhaupt messbar an irgendwas? Ist so eine Gesichtsfelduntersuchung nicht manipulierbar? Wie sollte ich es im alltäglichen denn bemerken?

Sieben Stunden wurde ich, beziehungsweise meine Augen auf den Kopf gestellt. Eine der Untersuchungen tauchte mich in eine andere Welt. Ich musste in einem stockdunklen Raum, den Kopf in einer Vorrichtung festgehalten für zehn Minuten warten. Zehn Minuten in Stille, in Dunkelheit und in Einsamkeit. Und nicht einschlafen, bitte, sagte die Helferin noch beim rausgehen. So könnte das Endstadium meiner Erkrankung aussehen? Nun, diese Nachtblindheit, die zu meiner Erkrankung gehört, habe ich. Sie stellt mich jeden Abend in Frage. Die alberne witzelnde verschwand von Minute zu Minute, vielleicht auch von Sekunde zu Sekunde. Eine nagende Zeit. Die dumpfe Realität nagte im Inneren und es verbreitete sich zusehens Angst und Panik. So könnte es mal für immer sein?

Plötzlich erschienen Blitze, grelle ekelige Blitze. Es war leicht gesagt, die Augen auf zu lassen. Dann war das grelle Licht für eine längere Zeit vor meinen Augen. Als es erlosch sah ich die Ringe und Kreise überall, wo ich meinte hin zu schauen. Die Untersuchung war beendet. Die Tür ging auf, Licht wurde wohl angemacht. Ich sah nur noch die Ringe, die auch bei geschlossenen Augen immer wieder aufflackerten.

Geschafft!

Diese Untersuchung brachte jedoch die nüchterne Erkenntnis. Ja, natürlich sind Sie gesetzlich blind. Es sind nur noch eine Handvoll Sehzellen im Zentrum, die ausgeschlagen haben. Juuuuhuuuuu! Geschaftt, ich krieg das Geld. Nun kann das Amt ja nichts mehr beanstanden. Und ein Führhund ist durch das "BL" im Schwerbehindertenausweis auch gesichert.

Wenn es einem finanziell nicht gut geht, kann man diese Gedanken doch nachvollziehen. Die Tragweite dieser Untersuchung kann doch nicht sofort präsent sein. Für mich kam sie in dem darauf folgenden Winter.

Eingestehen

Ich musste mir selber eingestehen, dass ich nicht mehr so konnte, wie ich wollte. Verabredungen wurden genaustens geplant. In einem Lokal treffen? Oh Gott, bloß nicht! Wie kann ich es formulieren, dass wir uns draußen vor der Tür treffen? Durch ein Lokal laufen und meine Leute suchen? Ich sehe mich herum stolpern und knallrot werden. Hallo, hier sind wir! Wo wo wo ist hier? Laufe ich in die falsche Richtung, sitzen sie in einer dunklen Ecke, steht ein Stuhl auf dem Weg zum Tisch auch noch im Wege. Was könnte ich erwidern, wenn ich an ihnen vorbei laufe? Nein, dass geht so nicht. Ich muss mir was einfallen lassen. Ganz zu schweigen davon, wie oft ich mit einer übervollen Blase nach Hause lief, weil ich den Toilettengang in Lokalen nicht schaffte. Wie schmerzvoll kann eine Blase sein und wie trainierbar ist sie doch.

Verabredungen wurden immer mehr abgesagt, mit fadenscheinigen Ausreden. Ich kaufte nur noch Terminkalender, die Auskunft über den Sonnenauf- und Untergang gaben. Würde ich es im Hellen noch hinschaffen? Mein Gott, war ich oft krank oder dienstlich unterwegs.

Nachbarn trafen mich unterwegs auf der Straße, unmittelbar auf meiner Höhe, sie lächelten mir zu, sie nickten. Ich reagierte nicht. Ich musste mich auf den Gehweg konzentrieren. Liefen sie drüben auf der anderen Straßenseite rief ich ein fröhliches Hallo rüber. Ich mutierte von einer netten menschlichen jungen Frau zu einer aroganten eingebildeten Tussi.

Konzentration hoch drei!

Der Einkauf im Supermarkt war mit einem hohen Aufwand an Energien und dem ständigen Hören - wer da sein könnte, erfüllt. Die Anstrengung bemerkt man nie im derzeitigen Tun, immer erst zu Hause, in gewohnter Umgebung, in den sicheren vier Wänden und allein, wenn die Anspannungen nachlassen bemerkt man erst, wie groß sie waren.

Das Betreten unserer Stammkneipen wurde immer verhaßter. Ich klammerte mich immer mehr an Werners Jackenärmel, aber doch so, dass es nur ein Hauch war. Meine Ohrantennen waren auf das feinste eingestellt, damit ich ja alle mit kriege, die da sind. Die Stammkneipe zeichnet sich aus, dass man alle kennt und meist die Begrüßung mit Handschlag besiegelt. Ich war grundsätzlich die, die Handschlag ablehnte mit der Begründung: Äh, Bazillen und Bakterien. Ich bin Masseurin und mag das überhaupt nicht. Es ist gesundheitsschädlich und ich war immer mehr die Mufflige.

Die Peinlichkeit jemanden zu übersehen und links liegen zu lassen bei all den geliebten Menschen, die ich da treffe war höher und hatte einen größeren Stellenwert und war erträglicher, als die Outung meiner Behinderung, meiner Erkrankung, meines Problems.

Das Verständnis war nicht da, dass eine klare Erklärung nur besser sein kann, als dieses auf die anderen wirkende unfreundliche Verhalten. Wie oft hörte ich: du bist ja gar nicht so zickig, wie man immer hört. Mit dir kann man ja gut Spaß haben und nett reden! Die Sätze bohrten sich wie Dornen in den Leib und taten weh und doch taten sie nicht so doll weh, dass ein hingeben möglich war.

Lieber aufgeben, als aufklären

Es war der mobile Massagedienst, den ich als erstes wegen der Augen einstellte. Unvorstellbar war es für mich mit einer schweren unhandlichen Liege zu Menschen nach Hause zu laufen und dort unter den peinlichen Blicken der Patienten diese dort aufzubauen und abzubauen. Bei einer Patientin beschädigte ich ein altes antikes Schränkchen. Ich bin versichert! Die Dame war nett und beließ alles dabei ohne Schadensmeldung.

Aber für mich war es wohl ein Zeichen und die Aufgabe. Ich gab mich wieder nicht hin, ich erfand wieder Ausreden und war zufrieden mit mir. Hatte ich doch auch genug mit dem Büro von Werner zu tun und er war auch immer eher dafür, dass ich doch das nicht machen bräuchte. Der Wunsch was eigenes zu machen und zu haben war plötzlich sooo unwichtig geworden.

Ich stolperte immer mehr in fremder Umgebung herum und ich fing an in meinen Tagebüchern mir die Zeiten von den Sonnenauf- und Untergängen noch genauer anzuschauen. Jeden Tag zwei Minuten, von der Zeitumstellung im September ganz zu schweigen.

Das Outing beginnt

Durch Gespräche mit Gleichgesinnten, die ich nur wenig hatte, fasste ich Mut und nahm mit einem Mobilitätslehrer vom Blindenverein Kontakt auf. In der ersten Stunde sprachen wir über dies und das. Ich gab Auskünfte von sachlicher Natur. Wieso sollte ich auch gleich meine Seele ausbreiten? Ich fühlte mich bestätigt in meinem Tun, denn als er sagte, er möchte nun mal sehen, ob ich geradeaus laufen könnte, platzte ich fast vor Lachen. Er gab mir eine Augenbinde und bat mich, ihm zu folgen bewaffnet mit einem komischen Langstock.

Ein ekeliges Gefühl kam wieder hoch in mir. Warum sollte ich mich blinder anstellen, als ich bin? Warum die Augen zu machen? Er beschrieb den Raum und schickte mich los zum laufen. Ernüchternd kam er zu dem Schluß, dass ich einen Linksdrall hätte. Mit einem naja und hm hatte er endgültig meinen Hass geerntet. Dieser Mensch ist ja wohl das Letzte, der kann warten bis er schwarz wird, dachte ich, als er mir dann sagte, wo wir uns dann das nächste Mal treffen und dann fangen wir an zu üben. Aber ohne die Binde, oder wie? Nein, natürlich mit der Augenbinde. Gut, erledigt! Den nächsten Termin känzelte ich wegen Krankheit. Er sah mich nie wieder! So einem Menschen kann man sich doch nicht hingeben!

Es hat lange gedauert, wobei es nur Tage waren. Tage, die sich durch das Zuhause bleiben in die Länge streckten, so dass ich das Thema Mobitraining wieder aufgreifen musste. Nun hatte ich von Gleichgesinnten eine nette Frau empfohlen bekommen. Die ersten Telefonate waren nett und ich zeigte mich von der, wie bekannt, lustigen und frischen Art. Die Frage nach dem Training unter der Augenbinde wurde sofort verneint und mir wurde warm. Schnell kam ein Termin zustande. Natürlich im Sommer, bloß nicht im Winter. Warum auch, ich will ja jetzt was machen. Den nächsten Winter hab ich ja dann alles gelernt.

Die Frau bestellte mich ins Rote Rathaus. Ich lächelte auf dem Weg dorthin. Warum nur in einem Rathaus ein Mobilitätstraining? Warum da, wo ich nie wieder sein werde? Was für ein Blödsinn! Ich glaube, die Dame hat doch nicht sooo viel Ahnung. Naja, ich mach das mal schnell und dann ist gut. Muss ja keine 60 Stunden machen, ich bin ja nicht ganz so blind, wie andere.

Die schwere Tür vom Rathaus machten wir beide auf und es wurde mir schnell klar, warum wir hier trainierten. Diese Dunkelheit, diese Spiegel auf dem Parkett- und Marmorboden, diese Lichtwechsel. Oh Holla, sie ging mit mir durch die Räumlichkeiten oben, zeigte Pendeltechniken und triezte mich durch die Katakomben im Tiefgeschoß. Die Schattenbildungen taten ihr Übriges. Das weitere Training erfolgte auch draußen und wir vollzogen alles flott und kamen zu dem Entschluß: Es genügt, wir hören mal auf. Ich kann mich jederzeit melden, wenn was ist. Auch hier war ich schnell mit dem Ja ja und wir verabschiedeten uns.

Die Hingabe zum Stock war gegeben:

In fremder Umgebung zückte ich ihn und begann zu begreifen, wie er mir hilft. Leute rennen mich nicht mehr um, sie springen weg, sie entschuldigen sich, sie nehmen mich irgendwie wahr. Und ich hab weniger Schmerzen. Wunderbar!

Im Dunkeln war das outen in gewohnter Umgebung nötiger. Jedoch erntete ich nicht Anerkennung, sondern eher verspürte ich Isolation. Leute huschten vorbei. Ich war nun auch im Gespräch, aber anders. Man redete über mich, nicht mit mir. Die Hingabe wird verflucht.

Keine Graustufen

Man wird zur lebenden Terminerinnerung für seinen längst nötigen Augenarzttermin. Mitmenschen reagieren gefüllt mit Berührungsängsten, Panik und Verstohlenheit. Man bemerkt nur die Vorteile, die Blinde haben oder gar blinde Hundehalter, wird reduziert auf die Behinderung, bevormundet. Ja, sogar als Simulant beschimpft, weil es kein graues Verständnis gibt. Es gibt nur blind oder sehend, nur schwarz oder weiss.

Der Wunsch nach intakten Augen schwindet von Tag zu Tag, denn ich sehe mehr als die Sehenden dort im Alltag.

Der Langstock ist heute ein wichtiger Teil von mir. Ich habe nie gedacht, dass der Griff zur Selbstverständlichkeit wird. Da in der Ecke steht er immer bereit. Der linke Fuß wirkt wie eins, im Gleichklang mit dem nach links pendelnden Langstock. Die Bewegung geht in Mark und Bein. Und wieder ist die völlige Hingabe nicht gegeben. Sie wirkt schwungvoll, ja fast fröhlich und unbeschwert bei Tageslicht. Verkrampft, genervt und unsicher in der Dunkelheit. Die Ausreden sind weniger geworden oder anders?

Warum ist ein Weg so anders in der Dunkelheit? Er erstreckt sich in Länge, in maßloser Länge, in Unbehagen, in Suchen nach Orientierungspunkten. Man wünscht sich das beamen her. Man beginnt mit der linken Hand zu schnipsen, versucht es noch besser zu machen und übt sich in der genausten Formulierung des "Beam me up, Scotti". Ich will endlich zu Hause sein! Doch es funktioniert nicht und der Weg erscheint noch länger.

Der Wunsch nach Ruhe und Dunkelheit

Und der jetzige Rest des Sehens ist doch messbar. Es ist ein Stadium erreicht, dass noch anstrengender geworden ist. Das einen in den Wahnsinn treibt, so dass der Wunsch nach Ruhe, endgültiger Dunkelheit und Losgelassenheit für die Augen größer wird. So wie die Ruhe und Nichtanstrengung einst vor 10 Jahren in diesem Raum dort in der Klinik.

Sieben Jahre erfüllte mein Führhund vieles in seiner Art der Hingabe und stärkte mich. Nun kann er nur noch bedingt und die Auseinandersetzung in mir wächst. Der Sommer ist da und die Lockerheit zum nächsten Winter ist ebenfalls präsent, so wie einst vor vielen Jahren. Es wird sich zeigen, diesen Winter, wie weit ich ihr gewähren kann und mich einlassen kann.

Solange die Entscheidung zwischen Tageslicht und Dunkelheit in diesem Ausmaß vorhanden ist, wird wohl immer die Hingabe zum Licht gewinnen und die Nachmittage im Winter wieder lang und einsam sein und gefüllt von Ausreden und Feigheit.

Berlin, im Juli 2011
(dieser Text entstand für die Bewerbung um ein Stipendium bei der Goethe-Stiftung)

Kapitel-Übersicht "Indoor - was mich betrifft"