8 Tage auf Fanö, einer dänischen Insel und nun wieder zu Hause

Es war die erste Zeit nach Werners Tod, die ich über so eine lange Zeit mit einer sehenden Begleitung verbracht habe und heute, wo ich zurück kehre in meine Wohnung, in unseren Alltag bemerke ich, wie schwer es mir fällt hier wieder Fuß zu fassen. Ich frage mich ständig, warum ist das so??

Ich komme nicht in den Tritt. Der erste Gang mit dem Hund zu Hause war schwer und das aufraffen ein anderes. Warum nur.. die erste Nacht im schönen eigenen Bett war gut und länger und das Aufstehen viel so schwer. Warum nur all das?
Es scheint alles wie weg geblasen, der Elan, die Erholung, die Freude an den neuen Projekten. Wo ist das alles hin?
Ich ertappe mich dabei, wie ich mir richtig Mut zusprechen muss, um hinaus zu gehen. Selbst der Hund hilft da nicht bei den Gedanken und es wirkt wie abgespielt.

Am Donnerstag waren wir zurück und erst am Samstag war ich Willens mich in die nervige laute Stadt und dann auch noch in die Stadtmitte auf zu raffen und es war nur furchtbar. ich hasse diese Situationen immer mehr. Ich fühle mich plötzlich alt und ausgelaugt.
Und langsam bei dem Trip in die Stadt kommen die Antworten und die innere Ruhe wieder. Es liegt an der Tatsache der sehenden Begleitung. Wie nebenbei die Hilfe auch war, sie war da. Sie war nicht aufdringlich oder gar bevormundend. Nein, im Gegenteil. Sie macht das wirklich gut und wir harmonieren, als wenn wir uns schon 30 Jahre kennen. So schön es alles ist, so angenehm es alles war. So macht es aber auch eins in mir: Es macht mich faul und unmutiger!

Ich bin froh, dass es mir bewußt geworden ist und ich werde gewiß, wie auch immer, die Begleitung sehender genießen. Aber ich werde drauf achten, dass es anders sein muss für mich, denn ich möchte den Mut nicht verlieren, hinaus zu gehen - aktiv zu sein - und dies vor allem und am meisten allein. Ich will klar kommen da draußen und mich bewegen wollen, die Orientierung behalten. Mich auseinandersetzen mit den anderen Menschen und Situationen, Strategien weiter entwickeln.

Es gibt mehr Leute, als man denkt, die sich viel vorgenommen haben. Die sich erträumen, wenn sie ein Mobilitätstraining gemacht haben, dann kommen sie draußen klar. Die sehr schnell bemerken, dass das leider nicht so der Fall ist. Das man eben doch nicht einfach so mal los gehen kann, sondern das da viel Mut zugehört und man auch schnell in seinen vier Wänden bleibt, weil man eben diesen Mut nicht aufbringen kann!

Viele kennen diesen Schweinehund, der sich innen vor der Türe aufstellt, wenn man zum Beispiel sportlicher werden möchte.. dieser Schweinehund ist ein kleiner Hamster, der immer schön seine Kreise dreht. Der andere Schweinehund hingegen entpuppt sich als eine schwere mit Blei ausgegossene Stahltüre, die mit 8 Schlössern gesichert ist und jedes einzelne Schloß muss man mit einem Zahlencode öffnen.. ein Zahlencode der eine Zahlenreihe von einer Trillion Zahlen beinhaltet und man hat pro Tag drei Versuche für die ganze Tür!! Scheitert man, so bleibt man daheim und jeden Abend im Bett nimmt man es sich erneut vor und ist hochmotiviert!

Kaum einer gibt dies so richtig zu und dies ist ja auch verständlich. Wer will schon zugeben, dass er eben nicht der Superblinde ist und der einfach lieber zu Hause ist und sein Leben so einrichtet. Nie alleine hinaus geht und sich in Wirklichkeit für gutes Geld sehende Begleiter heran holt.
Die Welt, die sozialen Netze sind voll mit Blinden, die angeblich sonst was machen und leisten. Wenn man gezielt hinter die Kulissen schielt, dann bemerkt man, dass dies gar nicht der Fall ist. Alles das, was man da so lesen kann, als würde der da alles alleine machen, ins Theater gehen, tolle Reisen machen, einkaufen gehen, ins Kino und und und, entpuppt sich als ein gutes Zusammenspiel mit einem Ehepartner oder einem freundschaftlichen Begleiter, einem Familienmitglied oder der Tatsache, dass alles nur farblich schön gelogen wurde. Warum tun das diese Leute? Bescheißen sie sich doch am meisten dabei, sich selbst und auch die anderen Betroffenen und die weitere Bevölkerung, die sie bewundernd respektiert und lobt.

Mir kam schon immer die Hutschnur hoch, wenn im Fernsehen diese Superblinden gezeigt wurden und diese dann noch so schön nebenbei erzählten, dass sie ja alles alleine machen. Sie bräuchten auch keine Putzfrau, denn sie putzen alleine. Sie besteigen Berge, sie tanzen in der Reihe, sie schmücken wichtige Ämter und sie haben stets einen Troß von Sehlingen um sich herum, wohnen eben nicht alleine!
Oder schlimmer noch: Sie stellen sich außerhalb ihrer Wohnung blinder an, als sie sind! Verfügen gar noch über einen Sehrest und diesen verschweigen sie diskret. Warum eigentlich..

Und sehr schnell wird die kleine blinde Rentnerin in der Öffentlichkeit verglichen mit diesen Blinden dort. Hilfe braucht die ja nicht, die sind ja in der Lage sogar die Farben zu ertasten.. das diese blinde gemeine Rentnerin aber jeden Cent braucht und sich für ihre Behinderung Hilfen erkaufen muss und sich auch viele Leute diese Dienste gut bezahlen lassen wollen, dass erfährt die Bevölkerung so nicht. Man erfährt nur, wie einfach doch das Leben als blinder Mensch sein kann.

Ich finde es unfair. Unfair allen gegenüber, die sich jeden Tag aufs Neue etwas vornehmen.. einen kleinen Weg nach draußen, einen kleinen Weg zum Hausbriefkasten.. nur mal um die Hausecke.. die eine Reinigungskraft suchen und diese nicht finden.. die so gern zur Eisdiele gehen würden und Appetit auf so ein italienisches Eis hätten.. die auf die Angebote im Supermarkt verzichten müssen.. die einen Urlaub niemals ohne einen Aufpreis für eine zweite Person machen könnten.. all diese Menschen sind die echten Helden, sind realistisch und weitaus mehr vertreten, als die anderen Blender!

Diese Blender erhalten von mir mein Mitleid. Sie können mir nur leid tun.
Ich werde immer meine sehenden Begleiter genießen. Ich werde aber immer darauf achten, dass ich nicht in diese Abhängigkeit rutschen will und es mir immer schwerer fällt, eigenständig hinaus zu gehen und ich hoffe, dass ich es schaffe. Denn mehr kann ich derzeit nicht erhoffen. Das ich meinen Mut erhalten kann und all den anderen, die ihren Mut verloren haben, wünsche ich Kraft und das sie immer weitermachen, das sie nicht aufgeben: Das sie in kleinen Schritten ein Stück weit Mut zurück erobern! Das sie den Zahlencode knacken..

Und noch eins ist mir bewußter geworden durch den Urlaub: Ich bekam weniger Ansprache. Fragen wurden gestellt, jedoch fand der Erstkontakt immer über die Augen meiner Begleitung statt und schnell wurde das Gespräch zwischen diesen beiden Parteien geführt. Gewiß unabsichtlich von meiner Begleitung, gewiß aber absichtlich von den anderen. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und habe mich oft eingemischt, aber es war total anders, als wenn ich alleine gewesen wäre:-)
Das Feedback, dass ich von meiner Begleitung erhielt, z. B. über die Leute, wie sie stehen bleiben, wie sie wieder mal gaffen hatte ich und meine Begleitung ist auch lustig dabei, wenn es Situationsbedingt darum geht, ab und an mal die Leute vorzuführen.. doch ist es immer anders, wenn man in Begleitung ist. Wir betroffene kennnen dies alle, wenn stets die Begleiter angesprochen werden.
Mir tun aber auch die Begleiter leid, wenn sie selbst mitbekommen, wie ihre blinden Freunde oder Verwandte ständig beobachtet werden.

Mittendrin..

Ich fühle mich inkludiert! Das denke ich immer wieder, wenn ich hier unterwegs bin und kann immer nicht so recht nachvollziehen, wenn das andere bemängeln und beklagen.
Es liegt gewiß auch daran, weil ich eben viel allein unterwegs bin und man sich *mit* mir befassen muss, ansprechen muss und dann schlicht und einfach feststellen muss: Huch, die ist ja gar nicht so schlimm oder gar behindert?
So werde ich wahrgenommen, allein mit meinem Hund und nicht am Arm eines sehenden Begleiters, wo man gewiß auch einfach nicht so auffällt.

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