Reduziert auf die Behinderung?

Werde ich wirklich nur auf die Behinderung reduziert, wenn ich unterwegs bin?

Ich werde einfach am Arm angefasst, mein Hund wird zugetextet, er wird einfach weiter gestreichelt, Menschen äußern sich in meiner Nähe mit Bedauern, Bewunderung und Stillschweigen gefüllt mit Angst.

Als nicht geouteter behinderter Mensch wurde ich nie am Arm gepackt oder angesprochen oder angeschwiegen. Werde ich wirklich nur noch als die arme behinderte Frau gesehen?

Auch bei mir macht immer noch der Ton die Musike. Sie, als der vermeintliche Helfer, erleben mich wahrscheinlich nur einmal am Tag. Ich erlebe Sie dagegen mehrmals täglich und es ist nervig und überflüssig, hinderlich und Sie sind neben den vielen anderen bestehenden Barrieren eine weitere auf meinem Weg im Alltag.

Als blind gekennzeichneter Mensch ist man durchaus in der Lage zu reden, zu fragen, um Hilfe zu bitten. Wir sind lediglich in einem Sinne eingeschränkt. Unser Gehirn, unser Verstand ist genauso intakt, wie bei Ihnen - so nehme ich mal an..

Wie reagieren Sie, wenn einer Sie einfach mal anfasst? Hören Sie andauernd die Frage: Wo wollen Sie denn hin? Kann ich Ihnen mal helfen?
Nun, ich nehme mal an, Nein. Warum auch? Sie fallen doch nicht auf in der Gesellschaft und wir wollen nur einen Weg machen. Mir sind die im Vorbeigehen gemachten Hinweise völlig ausreichend. Ich bemerke sehr genau, ob es ein Hinweis einfach so ist oder ein bemitleidendes Hilfsangebot. Der Hinweis auf das grün bei der Ampel kann doch im Vorbeigehen erfolgen und muss nicht immer mit Handgreiflichkeiten durchgeführt werden? Schon mal was von Taschendieben gehört?

Es kann durchaus auch vorkommen, dass Blinde massiv reagieren und echt sauer werden. Ich finde völlig zu Recht - Sie fassen keinen Fremden einfach so an, wenn er "nicht" gekennzeichnet ist!!

Die Gegensätze

Wo bleibt diese Hilfe oder Anteilnahme eigentlich wenn ich im Park oder am Kanal unterwegs bin bei den Radfahrern?

Ich bewundere immer den Mut dieser Leute, die so scharf und schnell an mir auf den Schotterwegen vorbei düsen. Ein Fehltritt von mir zur Seite, ein Erschrecken, oft nur ein Windzug von meinem Ellenbogen entfernt sind diese Leute so sicher in ihrem Tun. Und ich weiß auch noch wie weh es tut, auf Schotter hinzufallen. Und ich, die Blinde, könnte ein Kind sein, dass einfach plötzlich mal ein Schritt zur Seite macht.

Wie selbstsicher fährt der Autofahrer an einer ruhigen Kreuzung einfach weiter. Woher kann er sich da sicher sein, dass die da mit dem Langstock in der Hand doch wirklich stehen bleibt?

Woher kommen diese unterschiedlichen Denkweisen? Der Fußgänger, der so reagiert und der Radler oder Autofahrer, der genau andersherum reagiert?

Ich wünsche mir mehr Respekt von den Mitmenschen.

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