Es gibt schlimmeres als Blindheit!

Mitten beim Einkauf an der Kasse oder am Regal, beim Arzt, im Bus oder einfach so im vorbei gehen kommt ein: "Ich beobachte Sie immer mal und stell mir vor, mir würde das passieren, was mit Ihnen ist.. ich würde mich sofort umbringen!"

Bumm!! Das sitzt!
Mein lieber Scholli, was für ein Hammersatz, wenn man grad versucht den Überblick über sich, über sein Kleingeld und seine Waren auf dem Band an der Supermarktkasse zu behalten oder sich die verschiedenen Konserven zu Gemüte zieht oder sich halt auf was anderes "Lebenswichtige" konzentrieren muss!

Als ich mit meiner eigenen Verarbeitung mit dieser Erkrankung noch selbst nicht soweit war, reagierte ich extremer, anders und nur an mich denkend. Seit einiger Zeit nehme ich mich diesen Leuten an. Sie tun mir leid und ich habe das Bedürfnis sie aufzufangen, sie zu beruhigen, ihnen ihre Angst zu nehmen!

Oft ist die Zeit nicht da bei mir, aber ich nehme sie mir und ich merke auch, dass es den Leuten danach besser geht - ich höre sie regelrecht aufatmen und das beruhigt mich wiederum.

Es gibt wirklich schlimmeres auf der Welt, als zu erblinden!
Ich finde das langsame Erblinden auch, neben den derzeitigen Schwierigkeiten, besser als das Verlieren der Sehkraft auf einen Schlag. Ich kann mich vorbereiten, ich kann Abschied nehmen, loslassen, ich habe Bilder im Kopf, die mir keiner mehr nehmen kann. Ich kann mir Menschen vorstellen, wenn z. B. einer sagt: Du, der sieht aus wie der junge Götz George in Winnetou! Dann sehe ich den vor mir und grinse und das ist was, was mir keiner nehmen kann.

Der Sonnenuntergang auf den Malediven, die Rassehunde, die Automarken - alles hat ein Bild und mir reicht es so völlig aus. Meine Mutter wird nie alt und grauhaarig werden für mich..

Meine Behinderung ist sichtbar durch die Kennzeichnung. Ein Gehörloser, ein Nierenkranker, Herzkranker, Epeleptiker, all die sind nicht sichtbar. Woran sollte man sie erkennen.

Es gibt inzwischen soooo viele Hilfsmittel. Hilfsmittel, die mit einer Sprache versehen sind und die dienlich sind. Ich kann mich jederzeit mit jemanden unterhalten, kann telefonieren, kann fern gucken, höre das Martinshorn vom Polizeiwagen an der Ampel, höre Ansagen auf dem Flughafen und vieles vieles mehr.

Es gibt Menschen, die uns Blinde schulen, in der Mobilität, in der Orientierung, in den Lebenspraktischen Fertigkeiten. Wie bügel ich, wie schneide ich Zwiebeln, wie kriege ich die Zahnpasta auf die Bürste, woran bemerke ich denn, dass ich meine Mensis habe?

Das sind Hilfen, die wir erhalten und die uns wieder ins Leben bringen. Keiner wird oder ist alleingelassen, denn auch die Selbsthilfe kann viel helfen und einem wieder Mut machen.

Bei dem schleichenden Verlust des Augenlichtes hat man immer und immer wieder Löcher, in denen man verharrt. Aus denen man "selber" wieder herausfinden muss und sollte. Es erschwert denjenigen nur den Prozeß, wenn sein Umfeld ihn in Watte packt, ihm alles abnimmt und stets und ständig einmischt.. "Lass doch den Stock hier, den brauchste doch nicht. Ich bin doch dabei" Das ist schön und lieb gemeint, es macht uns aber abhängig und es kann immer was untewegs passieren mit dem sehenden Begleiter und wir sind dann auch nicht gekennzeichnet für die Mitmenschen!

Es sind kleine Aha-Effekte, die uns spüren lassen, wie hilfreich doch das Outen ist. Welche Erleichterung doch der Langstock bringt.

Kapitel-Übersicht "Indoor - was mich betrifft"