Sehrest und Führhund?

Mein Sehrest im Jahre 2004 war noch besser als er es heute ist und auch meine Einstellung und Handhabung war eine andere.

Hätte ich damals gewußt, was auf mich zukommt, hätte ich mir keinen Führhund in diesem Stadium zugelegt. Das kann ich heute mit ruhigen Gewissen sagen. Viele Kämpfe, die ich mit mir auskämpfen musste, wären mir erspart geblieben. Und doch bin ich heute umso stolzer auf mich und meinen Hund, der es in den ersten zwei Jahren gewiß nicht leicht hatte.

Und bitte jetzt nicht auf die Schlußfolgerung kommen: "Aha, die hat noch zuuuuu gut gesehen!" Nein, gewiß nicht. Wenn es dunkel wird da draußen bin ich blind, wie ein Maulwurf.. jaaaaa, aber halt nur, wenn es draußen dunkel wird und die meisten Dinge, grad im Sommer, spielen sich nun mal am Tage ab und jeder Gang am Abend ist eine Überwindung.. als R P ler.

So wie das wunderschöne Vorsitzen eines Hundes, wenn man ihn ruft, am Tage eine Genugtuung war. So ist es im Dunkeln ein reiner Flop und man kommt sich so idiotisch vor, wenn man mit den Armen vor sich herum rudert, um zu überprüfen ob er da sitzt? Welch ein Schwachsinn:-) Und die Vorgehensweise wird sofort geändert, weil man den Unsinn erkennt.

Man muss sich selbst bewußt machen, was es für das alltägliche Miteinander bedeutet, wenn man dem Hund ständig hinein pfuscht in seine Arbeit und ihm somit vieles abnimmt. Ständig den Hund in Frage stellt? Was wird wohl mit so einem Hund auf lange Sicht passieren? Genau, er wird irgendwann da stehen und sich sagen: "Mach du doch, du weißt doch alles besser!" also im übertragenen Sinne gemeint, aber er wird sich nicht mehr anbieten, nicht mehr führen, so wie er es einst gelernt hat, wird für Sekunden und die reichen aus, zögern und der Sehrestler wird diese Sekunden wieder nutzen und es besser wissen.. fatal, ein ganz fataler Zustand!

Es sind ganz kleine Dinge, die schon dazu führen, dass man sich einmischt und dem Hund rein pfuscht. So habe ich es neulich beobachten können: Eine Gruppe von Führhundhaltern marschiert in Reih und Glied. Einer sagt vorne, anhalten und nun passierte etwas interessantes, die Hunde der Geburtsblinden oder Vollblinden liefen weiter bis die Barriere kam. Die Hundehalter mit Sehrest forderten ihre Hunde auf anzuhalten, als die Barriere kam.. interessant, dachte ich so bei mir.. warum tun die das? Es geht wohl im alltäglichen unter.. die Halter bemerken es gar nicht mehr..
Und es zeigt wie sehr man sich als Sehrestler noch mehr Selbstdisziplin auferlegen muss!! Der Alltag ist voll mit solchen Situationen und man muss sich zwingen nicht ein zu greifen. Und solche Überlegungen gehören an den Anfang, bevor man sich einen Führhund anschafft.

Zwischen Vollblinden und Sehrestlern entflammen immer wieder heiße Diskussionen über das Thema. Ich für mich werde nie mit so einem Elan und so einer Selbstverständlichkeit von einem Jackenärmel zum nächsten wandern und mich abschleppen lassen oder mit einem Urvertrauen auf die Anweisungen von fremden Menschen hören. Ich bin es einfach nicht gewohnt, wie ein Geburtsblinder es gewohnt ist. Dieser lernt schon in jungen Jahren mit genommen zu werden, sich irgendwo festzuhalten und mit zu marschieren. Wahrscheinlich sind sie deshalb auch offener und lockerer bei dem sich führen lassen von einem Führhund. Der Dicke und der weiße Schäfer in der Freizeit Ich habe jetzt zu der verschneiten Zeit in Berlin auch wieder einiges erlebt. Berlin erstickte im Schneechaos, als wenn wir noch nie Schnee hatten und mein Hund, ein waschechter Bayer:-) und ausgebildet im Erzgebirge lacht sich wahrscheinlich immernoch scheckig über die "kleinen" Schneeansammlungen hier, aber immerhin hatten wir nun mal gute 30 oder 40 Zentimeter:-). Die Straßen, die Übergänge, die Buseinstiege waren oder sind einfach schlecht gesäubert worden und so kam es oft vor, dass ich absolut bekannte Wege, neu kennenlernen musste.
So kamen die Straßenüberquerungen, das Anzeigen des gegenüberliegenden Bordsteins wunderbar zustande, dann erfolgte das Rechts voran oder das Links voran und mein Hund wanderte weiter geradeaus. Es erfolgte das nochmalige Kommando und er ging weiter geradeaus. Innerlich dachte ich nun ja logisch: Ungehorsam. Was soll das denn jetzt? Also sagte ich Stopp! Blieb ruhig und sagte das Kommando neu, nun stand mein Hund, er überlegte, ich merkte es richtig, sage wieder das Kommando und er ging zögerlich weiter. Jedoch wieder geradeaus:-)

Nun ließ ich ihn machen und siehe da, nach einigen Schritten ging er Rechts! Toll, Suuuuper, was war das nun? Ich kriegte es im Laufe der Tage dann besser mit. Er musste an diesen Ecken so laufen, denn die Bürgersteige waren dicht mit Schnee, die Leute, wer auch immer, sind so gelaufen und haben einen kleinen Trampelpfad gebildet und die führten nicht unmittelbar vom Bordstein nach rechts oder links, sondern erst später.

Wie oft wurde ich bewundernd angesprochen, wie ich das nur mache mit dem Hund in dem Schnee? Nachdem ich nun bemerkt hatte, dass er sich penibel genau an die vorgegebenen Trampelwege hält, konnte ich voller Stolz nur entgegnen: Nun ich hab es doch sehr gut mit dem Hund, er findet noch die kleinsten Wege, wo nur einer mal gegangen ist, da wählt der diesen Weg, also muss ich mich doch gar nicht so abrackern:-) wie Sie?
Wie schön und gut ist es doch so einen Hund zu haben!

Also kann jeder noch so gerader Weg plötzlich verbaut sein mit Fahrrädern, mit Baustellen, mit Werbeträgern und vielem mehr und man muss frei und offen dafür sein, muss sich einlassen können auf die Veränderung - auf den Hund!
Ich bin froh über diese Erkenntnis, froh darüber, dass ich es bemerken durfte und konnte, so dass ich einen guten Weg für uns gefunden habe, damit umzugehen.

Kapitel-Übersicht "Indoor - was mich betrifft"