Wie weit vertraut man dem Führhund denn eigentlich?

Dem Führhund vertrauen. Das klingt erst mal gaaaanz einfach. Aber ist es das denn auch?

Situation - Lage des Beispiels

Wir laufen eine ruhige Straße entlang, zum Einkaufen, wie immer den gleichen Weg und man läuft in Gedanken beim Einkauf, beim schönen Wetter, bei den Terminen dieses Tages, einfach versunken ganz in Gedanken.
Wir laufen auf dem breiten Gehweg, die Straße ist rechts von uns. Zwischen dem Gehsteig und der Straße ist ein breiter Streifen mit Gras, Unkraut und Bäumen.

Das Vorgehen des Hundes

Mein Hund hat sich ausgemacht und ich nehme ihn ins Geschirr. Nach einigen Metern verweilt er. Ich fordere ihn zum Weitergehen auf. Nichts - keine Reaktion. Ich wiederhole das Kommando und ziehe es dann vor und sage ihm, er soll den Weg suchen. Er setzt sich in Bewegung, indem er sich dreht. Er dreht vor mir nach rechts ab, so dass ich eine komplette Wendung mache.

Nun läuft er los. Es wirkt zielsicher. Nach einigen Schritten fange ich an, diese mit zu zählen. Ich ermahne mich in Ruhe und wiederhole das Kommando "Such Weg". Ich denke mir, ich unterstütze ihn mal noch eben, also sage ich: "Such links Weg". Er läuft weiter geradeaus. Es erscheint mir nicht, dass er nach links gar mal schaut oder gar die "Kurve" kriegt. Was nu?

Es kann nur nach links gehen, rechts sind ja nun die Häuser mit den Vorgärten. Ich werde doch unruhig. Läuft er jetzt den ganzen Weg etwa wieder zurück? Wie weit denn noch? Da muss doch schooooon längst ne Möglichkeit sein, die er wahrnehmen/einschlagen könnte? Was soll denn das? Ich sage "Stopp!".

Schlimmer noch: Ich wiederhole den Befehl und gebe ein wenig das Geschirr nach links.. ich helf ihm mal. Habe ich ja lange nicht machen müssen, aber es erscheint mir logisch und hilfreich. Er geht wieder los - geradeaus. Nur geradeaus und es erscheint mir wie hunderte von Schritten. Langsam vermischt sich die Unsicherheit in Sauerheit, in Ärgernis. Was soll das alles - was macht er da? Wird doch mal wieder Zeit, dass wir Aufmerksamkeitsübungen machen, denke ich noch so, als er endlich nach links geht.

Ich spüre unter meinen Füßen große Pflastersteine und er hält von alleine an. Ich fühle mit dem rechten Fuß. Ich steh ordentlich an der Bordsteinkante - Aaahaaa! Also doch! Die großen Pflastersteine sind von einer Einfahrt. Nun gebe ich ihm das "Such Weg" erneut und er geht sogleich zügig und zielsicher weiter nach links. Ich lass mich ein. Aber ich weiß, dass wir auf der Straße laufen. Er überquert sie nicht auf die andere Seite. Er bleibt auf unserer Seite.

Ein Schwenk nach rechts, einige Schritte wieder geradeaus und dann wieder nach links. Das sind die parkenden Autos. Er geht jetzt wirklich mit mir an den Autos entlang? Was ist, wenn eins kommt. Es würde direkt frontal auf uns zukommen? Warum geht er denn nicht rüber? Ich habe ihm das "Such Weg" gegeben oder das "Passieren"? Ich bin mir unsicher, möchte schneller hier weg. Wie weit werden wir soooo laufen? Was war denn da bloß, dass wir so derartige Umwege gehen müssen - Sch.. so ein Müll, ich hasse diese Situationen! Ich will wissen, was da ist!!

Drei parkende Autos zähle ich mit, die wir so umrundeten. Eins hörte ich kommen und ich sagte Stopp, als wir zwischen zwei parkenden Autos waren, an der Bordsteinkante. Also in Sicherheit. Und er geht auf einmal wieder nach rechts und stellt mich ab. Wir sind an der Bordsteinkante - große Pflastersteine. Wieder eine Einfahrt? Ja! Aber er hat doch Mist gebaut, wir sind doch auf dem Gehweg viiiiiiiiel weiter zurück gelaufen? Sollte ich es wagen? Ich sage ihm "Weiter, such rechts Weg" und er läuft sofort los. Ein Stück geradeaus und dann wieder rechts - wir sind auf dem Gehweg - herrlich!

Ich bleibe skeptisch, ich bleibe auf Spannung, ich glaube nicht, dass wir an der Ausgangsstellung vorbei sind und rechne jeden Schrittes mit der erneuten Verweigerung. Es passiert nichts, er geht zielsicher und kontinuierlich.

Ich laufe nicht frei, rechne jeden Moment mit etwas. Plötzlich sind die dumpfen Hecken an unserer linken Seite weg. Aha, wir sind gleich an der Straßenecke. Also doch! Wir sind richtig und er ist guuuut. Ich bemerke einen Passanten und frage "Hallo?". "Ja bitte" kommt zurück von einer weiblichen Stimme. "Tschuldigung, könnten Sie mir sagen, was auf dem Weg hinter mir steht? Steht da eine Mülltonne oder sowas auf dem Weg herum?" Die Frau erwidert mit verwunderter Stimme "Nein, da steht nichts.." Ich sofort zum Schluß kommend, naja, dann hat mein Hund halt gesponnen und mich tüchtig veralbert! Die Frau sagt dann auf einmal "Nun, da hängen aber ganz viel satte grüne Äste von dem Grundstück herunter. Die gehen über den ganzen Weg. Komisch, müsste man mal weg schneiden, da komm ich ja auch nicht so einfach unten durch."

Upps! Das war es also.. mein guter Hund. Ich bekomme ein Schamgefühl ihm gegenüber, ein wohliges Gefühl im Bauch, eine angenehme Wärme umfließt uns und ich könnte ihm um den Hals fallen. Hat er toll gemacht!

Fazit

Von vielen Dingen unterwegs will ich nichts wissen. Sei es die vielen Fahrräder, die Werbeträger, Laternen oder sonst was, dass will ich nicht jedesmal wissen, was wir da umrunden. Aber ein solcher Umweg bringt mich an Grenzen, stellen mein Vertrauen zu ihm doch sehr in Frage. Gut es ist nicht oft vorgekommen. Vielleicht auch deshalb. ich weiß es nicht. Aber das mit dem einfach-so-mal-mitgehen ist sooo leicht gesagt..

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