Wahrnehmungen

Hexen Biene und Backi laufen mit den Langstöcken im Forst Sind wir doch mal ehrlich.. was denkt man nun, wenn man das so sieht? Kommt man wirklich gleich darauf, dass es sich hier um zwei Sehbehinderte handelt, die auch noch im Berliner Forst spazieren gehen?

So muss es sein, denn wie oft bemerke ich es unterwegs, dass die Leute es überhaupt nicht raffen, dass es sich nicht um eine einzelne Nordic Walking Stange handelt oder gar um eine Gardinenstange oder einen Wanderstock?
Verlangen wir wirklich zuuuu viel, wenn wir der Meinung sind, die Leute müssten es doch erkennen? Haben sie doch funktionierende Augen? Er ist doch auch noch weiß? Er reflektiert sogar im Dunkeln? Warum hat ein Mensch so einen Stock in der Hand? Zum Abstützen? Zum Ausmessen von Wegen? Zum Verkloppen?
Wie amüsant ist es für meinen sehenden Begleiter, wenn er feststellen muss, wie Menschen, die mir entgegen hasten, kurz vor mir in die Bresche springen oder gar noch in den Stock laufen?

Oder gar dieses Gaffen und Angestarrt werden, dass auch wir verspüren.. diese Stille, die einen plötzlich in mitten des S Bahnhofes Alexanderplatz in die Ohren kommt, wenn man den Fahrstuhl sucht? Sind plötzlich nur Taubstumme und Blinde unterwegs?
ich könnte dann immer schwören, so wie auch im Bus, wenn er rappel voll ist und neben mir der einzige Sitzplatz noch frei ist, der am Fenster.. und keiner es wagt, mich anzusprechen, ja, ja, dann könnte ich schwören,das auf meinem Stock noch irgendwas drauf stehen muss.. so etwas wie: "ACHTUNG, ich habe Aids oder ansteckend!!" Denn anders kann ich mir so ein Verhalten nicht mehr erklären.. und es muss drauf stehen.. ich kann es nicht sehen, aber ich hab ja auch was mit den Augen..:-)

Alles nur Berührungsängste!

Ja und dann kommen die Leute, die es wissen.. nun ja, es sind Berührungsängste..

Ist es wirklich nötig, dass man als Autofahrer Lichthupe gibt oder gar winkt, wenn so ein mit Stock bewaffneter Mensch an der Straßenecke steht?

Was denkt sich nur die Verkäuferin an der Fleischtheke, wenn sie einem gekennzeichneten Menschen die Scheibe Fleisch hinhält und fragt: "Soll es das Stück sein?"

Oder was ist mit der Kassiererin in einem großen Elektronikmarkt los, wenn ich in voller Montur, also mit Langstock gut sichtbar, einen Führhund im Geschirr und einem Drei-schwarze-Punkte-Button am Jackenkragen vor ihr stehe, ihr meine E C Karte gebe und sie fragt allen Ernstes nach meinem Führerschein?
So das sogar selbst die Leute hinter mir an der Kasse laut lachen, als ich sie fragte: "Das ist jetzt nicht ihr Ernst.. neee, heute habe ich ihn leider nicht dabei?"

Sollen dies wirklich "nur" Berührungsängste sein?
Klar, werden es bei einigen auch mal Berührungsängste sein, ich selber für mich würde eher zu der Erkenntnis kommen, da es in den meisten Fällen ja nix mit dem tatsächlichen Berühren zu tun hat, dass es sich schon um Ängste handelt, aber eher wohl, um das nie erlernt haben, wie man mit behinderten umgeht.. ja, vielleicht, wie man sie - um - geht:-) das haben wohl die meisten am besten drauf.. aber das richtige Umgehen mit scheinbar Abartigen wird wohl nicht groß angesprochen.

Wie aufgeschlossen sind doch da die Kinder? Wie offen und wie klar sind ihre Fragen, wenn ich sie in den Schulen oder Kitas besuche und jedesmal beim nach Hause gehen hoffe ich, dass sie es nie mehr in ihrem Leben vergessen und es sich einprägen und es als das natürliche sehen.. so wie sie mich einst in ihrer Klasse als ganz natürlich wahrgenommen haben - als Mensch mit einer anderen Sichtweise, aber als Mensch, mit dem man verschiedene Sachen anders machen muss, aber mehr auch nicht.

Wie die Bäckersfrau, die beim raus gehen ein fröhliches "Auf Wiedersehen.. upps" hinterher trällert und sich sofort entschuldigt? Warum fragte ich darauf: Wir sehen auch fern und gucken in die Röhre:-)

Wir sind nicht anders!

Kraft tanken - für die Welt Backi sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf einem großen Baumstamm und blickt in den wunderschönen Park. Ihr Hund liegt im Gras vor ihr und blickt ebenfalls genußvoll in die Grünanlage. Die Kraft um jeden Tag aufs Neue zu starten holen wir uns in solchen Momenten!
Wir haben keine andere, gar visuelle Sondersprache, wir haben nur nix davon, wenn einer zu uns sagt: Sie müssen da vorne nur da lang.. sorry, aber wo ist da vorne und was ist da lang?

Sieht es wirklich soooo schlimm aus, wenn ich im Einkaufsladen durch die Regale mit meinen Händen streife, um zu ertasten, wo das eckige Glas ist, dass ich suche? Ich muss es mit den Händen doch tun.. sie sind meine Augen.

Der Langstockgänger muss von einem Orientierungspunkt zum nächsten mit seinem Langstock klappern. Wenn er das nicht tun würde, würde er nicht wissen, wo er ist und wann er abbiegen muss.

Oder ist es wirklich das Unvorstellbare bei der Gesellschaft, bei den meisten Menschen, die sich nicht vorstellen können, wie man als Blinde lebt?

Sehr sehr oft kommen wildfremde Menschen auf mich zu und fragen mich, ob ich wirklich nix mehr sehe? Ob ich doch wenigstens ein wenig wahrnehme? Sie reagieren oft geschockt, verwirrt, ja fast verzweifelt und bewundernd.

Mut zum ausprobieren!

Kann man sich Blindheit wirklich nicht gut vorstellen? Theoretisch braucht man doch nur die Augen schließen und mal was ausprobieren, z. B. in seiner Wohnung, in der Küche mal ein Brötchen aufschneiden, ein Kaffee eingießen oder mal die Zahnpasta auf die Bürste auftragen?

Probieren Sie es aus - es ist alles nur eine Übungssache:-)

Die Neugier ist geweckt? Wollen Sie mehr wissen über das "Wie" macht ein Blinder das? Wie kann er mit seinem Hund auf den Feldern spazieren gehen oder im Wald? Wie arrangiert er sich im Alltag? Ich versuche es aus meinem Leben in dem Artikel Hilfe!! Mein Gulli ist weg! mal zu beschreiben.

Kommunizieren - das A und O!

Ich möchte Ihnen gern noch jemanden empfehlen, wenn Sie z. B. eine Firma haben mit Angestellten oder selbst mehr dazu wissen möchten, dann lege ich Ihnen Michael Hermann ans Herz. Er lebt und arbeitet in Berlin und führt Workshops, Seminare, Supervision, Coaching oder Vorträge zu der Thematik "Umgang mit Menschen" durch. Wobei er nie die Behinderung in den Vordergrund stellt, sondern allgemeine Techniken aufzeigt, die einem in allen Lebenslagen helfen zu kommunizieren.

Kapitel-Übersicht "Indoor - was mich betrifft"